HUNDEHEIMAT
- Aus Liebe zum Hund
Bolle war zuerst auf einer anderen Pflegestelle und ich wurde gebeten, für ihn eine Urlaubsbetreuung zu machen. Kurz bevor Bolle zu mir kam, lief er von dort weg und machte Kilometer innerhalb weniger Tage. Von Bendestorf bis Walsrode und in Buxtehude wurde er gesichtet. Nach 5 Tagen gelang es ihnen, Bolle zu sichern und wieder in gewahrsam zu nehmen. Ich weiß moch genau, wie nervös mich das gemacht hat, zu wissen, dass ein extremer Angsthund zu mir kommt, der gehütet werden muss, als sei er ein Schwerverberecher. Als er kam, brachte er eine Stahlbox, eine Stahlleine und zwei Halsbänder inklusive GPStracker  mit. Dazu seine Anmeldung und Marke bei Tasso und mehrere Eindringliche Warnungen, dass Bolle sofort fliehen wird, wenn er die Möglichkeit dazu sieht.
So saß er da, in seinem Stahlkäfig, die Augen aufgerissen, mit einer panischen Todesangst. Viel zu lange Krallen, das Fell stumpf und ungepflegt. Wie auch sollte man so einem Hund die Krallen schneiden, geschweige denn, baden? An der Leine lief er sehr weich und ruhig hinter mir her, doch wenn ich stehen blieb, oder mich gar umdrehte, ruckte er kräftig in die Leine, spran in die Luft, deht und überschlug sich.
Bolle....4 Jahre in Rumänien, haben aus dir gemacht, was du jetzt bist. Menschen haben ganze Arbeit geleistet, deine Seele zu zertrümmern, dein Vertrauen zerstört und deine Hoffnung auf ein freies Leben zunichte gemacht.
Zu seiner Vergangenheit weiss ich, dass er in einer der schlimmsten Tötungsstationen "gelagert" wurde, die es dort nur gibt. Verweste Hundekadaver, schwerverletzte Tiere, viel zu viele Hunde in einem Zwinger, eingepfercht in einem dunkelem Verließ, ohne Licht, ohne Wasser...
Gefangen wurde er mit einer Schlingstange. Für alle, die nicht wissen was das ist; Eine lange Stange aus Eisen, an der am Ende eine Schlaufe angebracht ist. Die Hunde werden in Ecken getrieben, Ihr Kopf aus der Entfernung durch diese Schlinge gesteckt und dann hebt man diese Stange an. Der Hund wird mit dieser Schlinge derart gewürgt, dass er keine Luft mehr bekommt. Dann werden die Hunde aus der Luft mit der Stange in Boxen geworfen, total traumatisiert von dem, was sie da erlebt haben.
Bolle kam im August 2017 zu mir. Ich entschied mich nach z10 Tagen, in bei mir zubehalten, warum kann ich nicht sagen. Schicksal? Noch immer kann ich nicht auf ihn zugehen, noch immer versteift er seinen Körper, wenn ich ihn berühren will. Er wird nie vergessen, was ihm angetan wurde und wir werden es nie verstehen können. Seine Narben auf den Beinen sprechen Bände, seine Augen erzählen es beinahe, was Ihm noch vor alle dem auf der Straße passiert ist. Bolle hat es mehrmals geschafft hier auszubrechen, sei es, dass er sich ein Fenster geöffnet hat, oder eine Tür. Aus dem Stand springt Bolle mit Leichtigkeit 2 meter. Ich schaffte es jedes mal, Bolle wieder zubekommen, mit Hilfe der anderen Hunde. Denn eines ist im wichtig; Anschluss ans Rudel. Ich kam nicht drumherum, in Absprache mit Tierärzten, Bolle übers Futter zu sedieren, um ihn zu fangen. Immer mit Trick 17, holte ich ihn wieder ins Haus, verschärfte die Sicherheitsbedinungen und fragte mich, wie lang das wohl noch so gehen würde. Ich träumte jede Nacht von ihm. Wie er sich befreite und mich auslachte, weglief und mir von weitem zuzwinkerte. Bolle hat mir den Verstand geraubt, mir immer wieder mein Herz gebrochen, obwohl ich so vernünftig bin und weiß, dass er dafür nichts kann. Ich habe ihn nie aufgegeben, ich wollte es immer wieder schaffen.  Wenn er mal wieder weg war, lebte er im Wald, gegenüber von unserem Grundstück, denn von dort aus hatte er alles im Blick. Pünktlich morgens und Nachmittags zur gewohnten Uhrzeit, kam er aus seinem Versteck hervor um uns zur Hunderunde abzuholen und uns mit Sicherheitsabstand zu begleiten. Danach verschwand er wieder.
Dieses Ritual war eineseits niedlich, andererseits fand ich das frech. Ich habe dann aufgehört, ihm eine Futterschale hinteherzutragen, weil ich mir dachte, Du weißt, wo es Futter gibt. Aber so ging er nur an die Gelben Säcke aus unserer Wohnsiedlung und ich hatte eine weitere Aufgabe zur Beschäftigung.
Im April 2018 sind wir in den Urlaub gefahren, mein Freund, Naomi, Uganda, Buddah, ich und natürlich auch Bolle. Er verwandelte sich förmlich dadurch, meiner Meinung nach Begriff er, dass er dazu gehörte, dass ich für immer bei ihm bin, er ein Teil der Familie ist. Die gemeinsame Zeit an der Ostsee war so wundervoll und wertvoll für uns, dass ich jedem nur dazu raten kann, mit seinem Hund in den Urlaub zu fahren!
Seit diesem Urlaub, bleibt Bolle Zuhause, im Garten und haut nicht mehr ab. Noch trägt er seine lange Schleppleine, da ich ihm immernoch nicht zu Nahe kommen kann, aber er bleibt. Er sonnt sich, er genießt das herrliche Sommerwetter, frisst jede Mahlzeit im Garten und kommt spät abends, lange nach Sonnenuntergang ins Haus gewackelt und kuschelt sich zu Uganda in seinen Sitzsack. Hier ist sein Platz, hier in der HundeHeimat, bei mir, bei den Hunden. Bolle hat seine Heimat gefunden, von ganz allein, mit viel Hilfe, einer Menge Schleppleinen, einigen Ausfällen und mehreren Unterbrechungen. Aber vor allem hat Bolle sich letzendlich dazu entschieden, dass er bleiben möchte. Er wird nie ein Kuschelhund sein und das muss er auch nicht. Ich habe durch ihn gelernt, bedinungslos zu lieben, nie aufzugeben, immer wieder von vorne anzufangen und nie den Mut zu verlieren.